Bitte schläfern Sie den Hund ein!
Wer will das schon hören?
Leider werden unsere Hunde nicht ewig alt und irgendwann ist da dieser Moment, den wir alle ungern sehen. Der Moment, in dem man eine Entscheidung zu Gunsten des Hundes treffen muss.
Ich kenne diese furchtbaren Momente und kann nur sagen, dass mir eine einzige Sache dabei wirklich geholfen hat. Und das war eine klare, unmissverständliche Aussage meiner Tierärztin. Kein Herumgerede, kein Falsche-Hoffnung-Machen, sondern das, was als letztes in mein Gehirn wollte, deutlich aussprechen: „Bitte schläfern Sie den Hund ein. Nicht irgendwann, nicht in einem Monat, sondern noch diese Woche! Alles andere wird furchtbar enden!“
Hummel war fast zwölf, ein großer Doggenmix und an sich total fit.
Noch ein paar Monate vor dem Termin waren wir zusammen joggen. Dann fing sie an zu humpeln. Ich ließ alles untersuchen, es gab keine Diagnose. Der Hund sei eben alt und groß. Wahrscheinlich Arthrose. Vertreten oder ein entzündetes Gelenk.
Schmerzmittel und abwarten.
Als es immer schlimmer wurde, bin ich zu einer Spezialistin für den Bewegungsapparat gefahren. Ja, der Hund war alt. Aber ich wusste ja, wie sie noch ein paar Wochen vorher ausgesehen hatte und dass dieser Schritt von fitter Omi zu Vollkatastrophe keine normale Alterserscheinung war. Da stimmte etwas nicht, was darüber hinaus ging.
Die Ärztin tastete die Knochen ab und sagte direkt, dass da etwas sei, was wahrscheinlich ein Tumor im Knochen wäre. Sie röngte zur Sicherheit. Und tatsächlich, da war ein Knochentumor direkt im Schultergelenk. Ein feiner Haarriss im Knochen zog sich darunter entlang.
Sie erklärte mir alles, zeigte mir genau, wo was war und wo die größte Belastung auf dem Knochen liegt. Der Hund trägt sein Gewicht hauptsächlich vorne. „Wenn sie jetzt einmal falsch auftritt oder der Tumor auch nur einen Millimeter wächst, (was er mit Sicherheit tun wird, denn er war schnell gewachsen), dann reißt dem Hund der Knochen einmal längs von oben nach unten. Die Schmerzen, die sie dabei haben wird, sind unbeschreiblich. Und solche Dinge passieren ja meistens nicht, wenn man eh grade in der Nähe der Tierarztpraxis herumhängt. Sie passieren sonntags, nachts, wenn man eine Stunde quer durch die Stadt in die nächste Tierklinik fahren muss. Oder noch schlimmer, wenn man grade einkaufen ist und der Hund dann alleine zu Hause leidet, bis man endlich zurück ist.“
Sie riet mir, Hummel noch in dieser Woche einzuschläfern. Freundlich, mitfühlend und direkt. Mir ein paar Tage für den Abschied zu nehmen und einen Termin zu machen, der passt und überschaubar ist, und sie dann gehen zu lassen. Und das war der beste Rat, den ich jemals bekommen habe.
Ich fuhr nach Hause, trauerte und plante.
Vier Tage nahmen wir uns und bekamen einen Termin. Nicht irgendwo, sondern da, wo sie besonders gern war. Hummel liebte Osteopathie und sprang immer mit Wonne auf die Behandlungsliege. Nach der Behandlung mussten wir sie richtig herunterschubsen, weil sie mehr wollte. Und genau dort durfte sie ihre letzten Minuten verbringen. Die Tierärztin aus der angrenzenden Klinik kam zu uns rüber und hat sie während der Osteopathie eingeschläfert.
Ganz ruhig und sanft war der Übergang.
Vorher hatte ich alles mit Hummel gemacht, was sie immer geliebt hat. Im Vorgarten hab ich einen Berg Heu aufgetürmt, das ich beim Bauern gekauft hatte. Hummel hatte sich immer im frisch gemähten Heu gewälzt. Davon konnte sie nicht genug bekommen. Es gab Wiener Würstchen und gebratenes Huhn, Kuscheln unter der Bettdecke und Zeit zu zweit. Tränen und geflüsterte Worte ins weiche Hundeohr, wie sehr ich sie liebe und was für eine schöne Zeit wir miteinander hatten.
Natürlich war es furchtbar, sie gehen zu lassen.
Aber es war von allen Abschieden mit meinen Hunden der friedlichste und der mit dem ich bis heute am feinsten bin. Und all das dank dieser Tierärztin.
Es hätte so anders ausgehen können, wenn sie versucht hätte, sich nicht so konkret auszudrücken. Ich bin ihr bis heute so dankbar für ihren Mut.
Heute frage ich in schwierigen Situationen meine Tierärzt*innen: „Was würden Sie tun, wenn es Ihr Hund wäre?“. Dadurch bekomme ich eine schnelle Zusammenfassung aus Erfahrung, Fachwissen und Bauchgefühl. Was ich allen wünsche, ist so eine Tierärztin, wie ich sie erlebt habe, die sich traut, Tränen zu sehen und das Wort „Einschläfern“ klar benennt und nicht eine unumgängliche Entscheidung erschwert, wenn die Aussicht hoffnungslos ist.
Ach ja, und weil Ihr sowieso fragen werdet: Die Tierärztin heißt Frau Loh und arbeitet in der Praxis „Gut Windeby“.