Hundeprofis, die sich schämen
Als Hundetrainer*in muss mein Hund perfekt sein, alles können, überall klarkommen und immer fröhlich sein. Oder?
So einen Bullsh** muss man sich manchmal wirklich anhören. Aber ehrlich gesagt sind die meisten, die so denken, die Profis selbst. Und die legen es den Laien dann in den Mund, die normalerweise wesentlich cooler damit sind als die Trainer*innen.
Der Hund hat eine Persönlichkeit.
Und zwar eine eigene, die NICHT ausschließlich vom Menschen geformt wird.
Nein, auch die allerbeste Erziehung vom ersten Tag an macht Genetik nicht ungeschehen, Erfahrungen mit der Umwelt nicht aussagelos. Und alles, was vor der Geburt und in der Welpenkiste passiert, ist wichtig.
Es gibt Verhaltensstörungen, die nicht wegzuerziehen sind und für immer bleiben. Es gibt Hunde, die durch Vorerfahrungen und Lernen so oder so geworden sind und als Erwachsene zwar ihr Verhalten situativ anpassen, aber ohne Aufsicht und Erinnerung an die neuen Regeln immer mal wieder in das alte Verhalten zurückkippen. Und es gibt Hunde, die kompliziert sind und auch so geboren wurden.
Und nahezu JEDER Hund bringt irgendwann irgendwelche Themen mit und reibt sich an den Vorgaben, die der Mensch macht. Irgendwas ist immer!
Manche Sachen sieht man halt nicht sofort oder findet sie nicht so schlimm.
Der Hund, der ganz toll bei Fuß läuft und artig „Sitz“ und „Platz“ macht, frisst vielleicht beim Spaziergang die ganze Zeit Hundekot oder kann außerhalb des Zaunes nicht ohne Leine laufen, weil er dann Hetzen geht.
Der Hund, der total nett mit den Welpen in der Welpengruppe spielt, ist vielleicht unverträglich mit intakten Rüden. Und der fein am Rand des Hundeplatzes wartende Hund kann eventuell nicht gut allein zu Hause bleiben. Oder, oder, oder. Irgendwas ist immer, und das ist auch normal.
Das gehört bei jeder Beziehung dazu. Streit und Ausdiskutieren von Grenzen und Möglichkeiten ist ein Prozess, der mit dem Zusammenleben einhergeht.
Und am Ende ist ein gut erzogener Hund immer „gut erzogen für das, was er mitbringt“. Und was er mitbringt, ist sehr unterschiedlich.
Was für ein Beweis ist es, wenn der Mops nicht jagen geht im Vergleich dazu, wenn der Münsterländer nicht unkontrolliert hetzt?
Wie cool ist es für einen Kangal, angebunden am Rand des Hundeplatzes zu liegen und ruhig zu warten, solange ihn niemand anfasst und kein Hund zu ihm rennt?
Wenn der einjährige Hund unauffällig dabei sein kann, auch wenn es mal wild wird, ist das doch beeindruckender, als wenn der Hund zwölf Jahre alt ist.
Der Anspruch an das, was ich bewundere, ändert sich gewaltig mit den Grundvoraussetzungen.
Ich gehe hier davon aus, dass der Profi erzieherisch alles daran setzt, den Hund so gut es irgendwie geht zu fördern und ihm klare Grenzen aufzuzeigen.
Und genau das ist es, was mich überzeugen würde.
Was tut der Mensch, um das Verhalten des Hundes zu beeinflussen?
Macht er etwas Sinnvolles? Arbeitet er sich voran?
Lehrt er einen jungen Hund, der stetig besser wird? Und muss er eben, wie alle anderen auch, manchmal zusehen, dass sich dieser widersetzt und Dinge in Frage stellt? Hat er die Umwelt im Blick und geht respektvoll mit allen Beteiligten um und übernimmt seine Verantwortung?
Ich sehe das Können eines Profis nicht an einem Hund, von dem ich nicht weiß, ob hier nicht einfach nur Glück der ausschlaggebende Punkt war (was allen vergönnt und gewünscht sein soll!).
Ich sehe es in Geduld, Fortschritten, Dranbleiben, gezielten Techniken und fachlicher Einschätzung davon, was man in dem Moment erwarten kann und was nicht.
Ich sehe es darin, ob jemand genug Weisheit besitzt auch mal zu sagen: „Ich bringe meinen Hund jetzt ins Auto, weil ich mich hier konzentrieren muss und einfach heute müde bin.“ Oder: „Warte, hier muss ich kurz dranbleiben, mein Hund braucht mich hier jetzt!“.
Ich sehe es in der Beziehung zwischen Hund und Mensch und wie die beiden miteinander umgehen, was sie von sich halten und wie sie kommunizieren.
Ich sehe es daran, ob Rechtfertigungen und Beschuldigungen der Umwelt in den Fokus gerückt werden, wenn etwas schief geht. Oder ob ein Plan geschmiedet wird, wie man es nächstes Mal selbst besser macht.
Ich sehe es an Selbstreflexion, Weiterentwicklung und dem Wissen darüber, was man ändern kann und was man akzeptieren muss.
Ich beurteile nicht wie der Hund sich benimmt, sondern wie der Mensch damit umgeht.
Hundetrainer*innen müssen keine Beweisstücke für ihre Allmacht herumzeigen. Sondern am lebenden Objekt beweisen, wie man damit dealt, wenn etwas nicht so läuft, wie man es gerne hätte und wie man anlehrt, es besser zu machen.
Und dabei teilhaben zu dürfen, macht auch Kund*innen dankbar.
Zuzuschauen, was der Profi tut, wenn der Hund genau das macht oder machen will, was sie bei ihrem Hund vermeiden wollen. Denn auch Menschen lernen am Modell.
Ich glaube, dass viele sich freuen würden, wenn wir Trainer*innen mehr zeigen würden, was wir machen, wenn unser Hund sich danebenbenimmt und nicht ausschließlich damit angeben, was alles super läuft.
Also traut Euch Eurer Kundschaft zu zeigen, wie das echte Leben aussieht und welche Wege man gehen muss, um zum erzogenen Hund zu kommen. Denkt nicht immer nur an die Präsentation des Endziels.
Ich versuche das in meiner Arbeitswelt und habe sehr gute Erfahrungen damit. Statt Abwertung bekomme ich das Feedback, wie hilfreich es ist, mal Konflikte beobachten zu dürfen. Oder auch mitzuerleben, dass auch wir manchmal etwas wieder verwerfen und neu anfangen. Und selbst, dass auch wir mal an etwas nicht gedacht haben, ist einfach menschlich und zeigt, dass so etwas zum Hundehalten dazugehört.
Mein Umgang damit zeigt sich in der Schnipsel App. Darin filme ich Alltagssituationen. Und zwar alle. Nicht nur die, in denen alles perfekt ist. Ich zeige, wie ich meine Hunde erziehe, wie wir gemeinsam wachsen, mal verzweifeln, durch Probleme und Hindernisse durchmüssen, von vorne anfangen und auch Kompromisse schließen. Ich erkläre, warum ich Dinge so mache, wie ich sie mache und was daraus resultiert. Alles im echten Leben und im Alltag.
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